Regenerative Energie aus Chile - praktische Anwendung für NH3

Chile positioniert sich bereits seit einigen Jahren strategisch als zukünftiger globaler Akteur in der Energieversorgung der Welt. Das Land verfügt über einen einzigartigen geographischen Vorteil: eine der längsten Küstenlinien der Welt gepaart mit den besten Wind- und Solarressourcen. Die Kombination aus der extrem hohen Sonneneinstrahlung in der nördlichen Atacama-Wüste und den konstant starken Winden in der südlichen Region Magallanes bietet die ideale Grundlage für eine kostengünstige und massive Produktion von grünem Wasserstoff. Durch diesen ehrgeizigen Ausbau der erneuerbaren Energien erhofft sich Chile, nicht nur die eigene Dekarbonisierung voranzutreiben, sondern auch einen großen und stabilen Handelspartner in Europa zu gewinnen, um die eigene Wirtschaft zu diversifizieren und sich als Exporteur von sauberer Energie fest zu etablieren.

Massiver Ausbau und Netzinvestitionen

Aufgrund des enormen Potenzials für Solar- und Windenergie, das besonders im Norden Chiles vorhanden ist, kommt es zu einem fortlaufenden Ausbau von Projekten im Bereich der Erneuerbaren. Die auftretende Netzüberlastung, insbesondere während der Mittagsstunden durch die Solaranlagen, wird aktiv durch den Bau großer Batteriespeichersysteme (BESS) begegnet. Bis Ende 2023 befanden sich zahlreiche Projekte im Bau, viele davon in Kombination mit diesen Speichersystemen, was erhebliche Investitionen in neue Erzeugungs- und Speichertechnologien nach sich zieht. Chile hat den Kohleausstieg bis 2030 beschlossen und verfolgt das Ziel, bis 2050 kohlenstoffneutral zu sein und ab diesem Zeitpunkt nur noch erneuerbare Energien zur Stromerzeugung zu nutzen. Zusätzlich katalysiert der Bergbausektor, ein großer Energieverbraucher des Landes, das Wachstum der kommerziellen Nutzung erneuerbarer Energien. Diese Entwicklungen werden durch Förderaufrufe für Forschungsprojekte zur Energiewende unterstützt, die sich auf die nachhaltige grüne Wasserstoffindustrie sowie die Lithiumgewinnung für Batterien konzentrieren.

Grüner Wasserstoff als Exportschlager nach Europa

Der grüne Wasserstoff (H₂), erzeugt aus erneuerbaren Energien, ist der zentrale Energieträger für den zukünftigen Transport von Energie von Chile nach Europa. Chile verfolgt das ehrgeizige Ziel, bis 2040 einer der weltgrößten Exporteure für grünen Wasserstoff und dessen Derivate, wie etwa Ammoniak (NH3) oder E-Fuels, zu werden. Auf internationaler Ebene bestehen Partnerschaften und Finanzierungen zur Unterstützung dieses Ziels. So wurde eine deutsch-chilenischen Task Force Wasserstoff gegründet (https://energypartnership.cl/) und Institutionen wie die KfW und die Europäische Investitionsbank (EIB) unterstützen das Land finanziell über die Global Gateway Renewable Hydrogen Funding Platform. Diese Plattform mobilisiert Kredite und Garantien, um private und öffentliche Investitionen für den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft zu sichern, die als Basis für künftige Wasserstoffpartnerschaften mit europäischen Abnehmern dienen soll. Auch über ZIM (https://www.kooperation-international.de/aktuelles/bekanntmachungen/detail/info/zim-4-deutsch-chilenische-ausschreibung-fuer-gemeinsame-forschungs-und-entwicklungsprojekte-kleiner-und-mittlerer-unternehmen) werden mittelständische Firmen in diese Entwicklung mit eingebunden.

Konkrete Unternehmen, wie beispielsweise die VNG Handel & Vertrieb GmbH, untersuchen bereits den Import von grünem Wasserstoff aus der Region Magallanes in Chile nach Deutschland und Europa. Für den interkontinentalen Transport des Wasserstoffs wird häufig die Umwandlung in Ammoniak (NH3) diskutiert, da hierfür eine global etablierte, sichere und effiziente Infrastruktur existiert. Das modernisierte fortgeschriebene Rahmenabkommen (AFA) zwischen der EU und Chile erleichtert zusätzlich den Handel und sichert Investitionen, was den Aufbau der Wasserstoff-Wertschöpfungskette sowie die Diversifizierung europäischer Lieferketten unterstützen soll.

Konkrete Wasserstoff- und E-Fuels-Projekte

Die wichtigsten und aktuellsten Entwicklungen konzentrieren sich auf die Region Magallanes im Süden des Landes, bekannt für ihre extrem starken Winde, und die Atacama-Region im Norden, die weltweit höchste Sonneneinstrahlung bietet.

1. Haru Oni (HIF) – Leuchtturmprojekt für E-Fuels (Magallanes)

Das Projekt "Haru Oni" (Highly Innovative Fuels, HIF) in der Region Magallanes ist das bekannteste Leuchtturmprojekt für die Erzeugung von grünem Wasserstoff und dessen Weiterverarbeitung zu E-Fuels (synthetischem Benzin). Das Projekt, an dem unter anderem Porsche, Siemens Energy und ENAP (staatlicher chilenischer Öl- und Gaskonzern) beteiligt sind, hat bereits im Dezember 2022 mit der Produktion in einer Pilotanlage begonnen.

  • Kapazität (Pilotphase): In 2024 wurden zunächst (nur) rund 100.000 Liter E-Fuel produziert.
  • Geplante Kapazität (Skalierung): In der ersten Ausbaustufe soll die Kapazität bis zur Mitte des Jahrzehnts (angestrebt dieses Jahr) auf 55 Millionen Liter E-Benzin pro Jahr (äquivalent zu ca. 41.000 Tonnen Benzin; jährlicher Verbrauch Deutschland etwa 17 Millionen Tonnen) steigen. In der darauf folgenden Skalierung wird eine Produktionskapazität von bis zu 550 Millionen Litern pro Jahr angestrebt. Einschränkend muß man sagen, dass das Projekt seiner geplanten Entwicklung inzwischen massiv hinterherhinkt.

2. H2 Magallanes / H2V Magallanes (Süd-Chile)

In der windreichen Magallanes-Region sind weitere Gigawatt-Projekte in Planung, die direkt auf den großflächigen Export von grünem Ammoniak (NH₃), einem Wasserstoffderivat, nach Europa abzielen:

  • H2 Magallanes (Total Eren/VNG): Dieses Großprojekt plant eine installierte Windkraftkapazität von bis zu 10 GW mit einer Elektrolyseur-Kapazität von bis zu 8 GW. Das Ziel ist die Produktion von bis zu 0,8 Millionen Tonnen grünem Wasserstoff pro Jahr, der in Ammoniak (NH3) umgewandelt und über eigene Hafenanlagen per Schiff zum Beispiel nach Rostock in Deutschland exportiert werden soll. Der Produktionsstart ist für etwa 2027 geplant. (https://www.vng.de/de/newsroom/2022-11-22-kooperation-bei-importprojekt-vng-und-total-eren-unterzeichnen-vereinbarung)
  • Weitere Projekte in der H2V Magallanes-Initiative: Zahlreiche Unternehmen (wie ACCIONA & Nordex, Enel) sind Teil der regionalen Initiative und planen Projekte im Wert von über 70 Milliarden US-Dollar. Die Projekte sehen Elektrolyseur-Kapazitäten im Bereich von 1,5 GW bis 3,5 GW vor, mit einer angestrebten Jahresproduktion von bis zu 2,4 Millionen Tonnen grünem Ammoniak (H2 Magallanes) pro Jahr für den internationalen Export.

3. Projekte im Norden (Atacama)

  • In der Atacama-Wüste konzentrieren sich Projekte auf die Nutzung der intensiven Solareinstrahlung. Die Energie wird hier hauptsächlich zur Dekarbonisierung industrieller Prozesse verwendet, insbesondere im lokalen Bergbau (Kupfer, Lithium), der sehr energieintensiv ist. Die Produktion dient der direkten Nutzung vor Ort, aber es gibt auch hier Projekte mit Exportpotenzial (z. B. Ammoniak für Düngemittel).
  • Power-to-MEDME (Linde/Fraunhofer): Die Linde GmbH plant hier eine Pilotanlage zur Produktion von grünem Methanol oder Dimethylether (DME) im Megawatt-Bereich. Diese Derivate können als Kraftstoffersatz genutzt und über Seehäfen exportiert werden. Die Forschung konzentriert sich auf die Optimierung der Prozesskette unter Einbeziehung von Meerwasserentsalzung und solarthermischen Kraftwerken (CSP), um wettbewerbsfähige Gestehungskosten zu erreichen. (https://www.ise.fraunhofer.de/de/forschungsprojekte/Power-to-medme-fue.html)
  • HyEx (Engie/Enaex): Dieses Projekt konzentriert sich auf die Produktion von grünem Wasserstoff zur Verwendung im Bergbau, z. B. für die Produktion von grünem Ammoniak, das zur Herstellung von Sprengstoffen im Bergbau benötigt wird. (https://www.enaex.com/cl/us/hyex/)

Gesamtstrategische Ziele

Chiles nationale Wasserstoffstrategie sieht vor, bis 2030 Elektrolyseur-Kapazitäten von 5 GW zu erreichen (Stand 2025 Deutschland: 0,17 GW, geplant bis 20230 10 GW) und diese bis 2035 auf 25 GW zu steigern. Das Hauptziel ist die Erzeugung des preisgünstigsten grünen Wasserstoffs weltweit ($1,3 bis $1,5 USD pro Kilogramm), um ihn als kritischen Energielieferanten für die europäische Dekarbonisierung zu positionieren.

Die chilenische Regierung fördert über 60 geplante Projekte, die vor 2030 in Betrieb gehen sollen, um Chile zu einem weltweit führenden, kostengünstigsten Produzenten von grünem Wasserstoff zu machen.

 

 

© Gerald Friederici 01/2026